Die Trolley Mission der US-amerikanischen Luftwaffe

Historische und bislang unveröffentlichte Luftbilder deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg


Einleitung

Der normalen Bevölkerung bleiben für gewöhnlich die Anzahl oder gar der Zweck von militärischen Einsatzmissionen gänzlich unbekannt. Zum einen handelt es sich teilweise um spezielle Kampfeinsätze, deren Dokumentation anschließend in Militärarchiven unter Verschluß liegt und aufgrund von gesetzlichen Sperrfristen jahrelang unbemerkt liegen bleibt; zum anderen handelt es sich um Übungseinsätze oder um Manöver, die nur einem kleinen Kreis von Beteiligten bekannt sind und bekannt bleiben. Häufig geraten Dokumente jener militärischen Einsatzmissionen erst dann an die Öffentlichkeit, wenn sich Historiker zielgerichtet auf die Spurensuche in Staats-, Universitäts- oder Militärarchiven begeben. Doch auch dann wird die Recherche nach solchen Dokumenten zu einem fast schon unlösbaren Rätsel, wenn aufgrund der gesetzlichen Sperrfristen in Staats- und Militärarchiven mögliche Beteiligte, die für Fragen hätten zur Verfügung stehen können, längst verstorben sind. So gibt es im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts zahlreiche Ereignisse, die erst mit großem Zeitversatz ans sprichwörtliche Tageslicht gelangen. Zu denken ist hierbei an Geschehnisse im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg, an die militärischen Spionage- und Aufklärungsmissionen zwischen "Ost" und "West" während des Kalten Krieges oder an die in jüngster Zeit immer noch fortwährende Aufarbeitung der Akten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik. Mitunter werden solche Ereignisse und Zusammenhänge, wenn sie denn überhaupt recherchiert und analysiert werden können, mit einer gewissen Neugierde und Sensationslust veröffentlicht. Während insbesondere die Aufarbeitung militärischer Kampf- und Spionageeinsätze in breiten Kreisen der Bevölkerung zu Erstaunen über die seinerzeit bereits eingesetzte Technik oder auch über die angewandte Kaltblütigkeit der Beteiligten führt, gibt es wiederum Veröffentlichungen zu militärischen Missionen aus dem Zweiten Weltkrieg, die späteren Generationen und Nachfolgegenerationen bloßes Entsetzen und ein hohes Maß an Ehrfurcht abverlangen.

Eine dieser militärischen Missionen, welche unserer heutigen Generation und gewiß auch unseren Nachfolgegenerationen die Absurdität und den Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges - und letztlich eines jeden Krieges - veranschaulicht, ist die sogenannte "Trolley Mission", die im Zeitraum vom 7. bis zum 12. Mai 1945 über Deutschland stattgefunden hat. Die Trolley Mission ist solch ein Ereignis wie es einleitend beschrieben wurde: Die Mission war nur wenigen beteiligten Soldaten der US-amerikanischen Armee bekannt und die Aufarbeitung konnte aufgrund der in US-amerikanischen Militärarchiven unter Verschluß liegenden Geheimakten erst viele Jahre später gelingen. Obgleich die Trolley Mission definitiv kein militärischer Kampfeinsatz während des Zweiten Weltkrieges war, illustriert ihre Aufarbeitung, die erst nach nunmehr 70 Jahren geschehen konnte, das Ausmaß der Zerstörung Deutschlands, die durch Luftangriffe der Royal Air Force und United States Air Force verursacht wurden. In der Literatur lassen sich mittlerweile zahlreiche Ausarbeitungen über die Luftangriffe auf deutsche Städte finden. So sei exemplarisch der Luftangriff auf Dresden im Zeitraum vom 13. bis zum 15. Februar 1945 genannt; ebenso darf in diesem Zusammenhang auf die Luftangriffe auf Hamburg verwiesen werden, die im Zeitraum vom 25. Juli bis zum 3. August 1943 unter dem militärischen Geheimnamen "Operation Gomorrha" durchgeführt worden sind. Diese Untersuchung folgt jedoch einem rein wissenschaftlichen Leitfaden mit dem Ziel einer gänzlich werturteilsfreien sowie insbesondere vorurteilsfreien Aufarbeitung.

Es ist nicht die Aufgabe dieser Untersuchung, über Täter und Opfer zu richten oder über vermeintliches Recht und Unrecht zu entscheiden. Vielmehr soll diese Untersuchung jene sechs Tage im Mai 1945 aus luftfahrthistorischer Perspektive dokumentieren, in welchen US-amerikanische Soldaten, die größtenteils nicht aktiv an Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben, sondern dem Bodenpersonal oder sonstigen militärischen Verwaltungsstellen angehörten, im Tiefflug über deutsche Städte und Landschaften geflogen sind. Das Besondere an diesen sechs Tagen war der Umstand, dass einige der Besatzungsmitglieder private Photographien aus dem Flugzeug erstellt haben, die den Schwerpunkt dieser Untersuchung ausmachen. Es sind Photographien, die nicht der militärischen Aufklärung dienten, sondern aus purem Zufall heraus entstanden sind und Deutschland sowie Teile der Niederlande und Belgiens zur sprichwörtlichen "Stunde Null" zeigen. Es sind Luftbilder von besonderem historischen Wert, zumal sie unserer Generation und unseren Nachfolgegenerationen vermitteln, mit welcher unglaublich erschütternden Intensität sich Menschen bekämpfen konnten. Zugleich illustrieren jene Luftaufnahmen, obgleich sie aus dem 20. Jahrhundert stammen, dass die Menschheit im 21. Jahrhundert trotz immer wieder aufflammender Krisenherde und Konflikte stets versuchen sollte, in Frieden zu leben.